Der erste Dreihunderter

von Dirk Küpper / LSV Geratshof e.V.

Schon seit dem Beginn meiner Segelflugausbildung im Frühjahr 2001 faszinierte mich jedes Mal aufs neue der Anblick, der in der tiefstehenden Sonne heimkehrenden Streckenflieger aus unserem Verein. Während ich selbst mühsam die ersten Hüpfer machte und versuchte, das Flugzeug dahin fliegen zu lassen, wo es eigentlich hin sollte, bewunderte ich die Leistungen der anderen Flieger, die wie Kometen beim abendlichen Überflug ihren Wasserschweif hinter sich herzogen. Der Gedanke, den ganzen Tag im Flugzeug sitzend in entlegene Gebiete zu fliegen und dabei Strecken zurückzulegen, die für mich bis dato völlige Utopie gewesen sind, hielt mich ständig fest.

Nachdem ich schließlich nach meinen ersten Alleinflügen und Umschulungen auf andere Flugzeugtypen fast das ganze letzte Jahr alleinfliegend und stundensammelnd in Platznähe in einer Ls4 unterwegs war, wurde es aber schnell langweilig. Man kannte nun die Umgebung in- und auswendig und wäre gern ein paar Kilometer mit den abfliegenden Kameraden mitgeflogen...

Nach einem theoretischen Winter und diversen Prüfungen, die jeder von euch kennt, kam schließlich der große Tag Ende Mai, an dem ich den Schein der Begierde in meinen Händen hielt. Plötzlich war alles anders... Fliegen wann, wohin und solange man will, ohne einen Flugauftrag und ohne Grenzen. Ein seltsames Gefühl war es schon, niemanden mehr um irgendwas bitten zu müssen und so langsam seine persönlichen Limits zu erweitern. Ich war am Ziel!!! Aus einer Laune heraus und nicht wirklich ernst gemeint antwortete ich eines Vormittags auf die Frage eines Vereinskameraden „Und – was haste ausgeschrieben?“: „300! Is’ doch klar!“. Aber auch nur , weil ich einen Technikfimmel habe und die Aufgabe ins LX5000 unserer Ls4 programmieren wollte – zu Übungszwecken.

Dann bin ich losgeflogen und wollte mal probieren, wie das so ist – Kursfliegen, Lufträume, Navigation, das mit dem Wetter und alles, was so zur Streckenfliegerei gehört. Es war der 4. Juni und im Rechner war die Strecke Geratshof-Zwiefalten-Aalen-Geratshof. Schnell war ich an der Grenze meines „Territoriums“. Ist schon eine tolle Sache mit der „Freiheit“, aber wie bei meinem 50km-Flug war es schon ein blödes Gefühl, den Gleitwinkelbereich zum heimischen Platz zu verlassen. Aber das war schnell vergessen. Ich flog munter drauf los und wurde letztendlich, und auch ein bisschen zu meiner Beruhigung, von einem sich im Süden aufbauenden Gewitter gestoppt. Ich kam bis Laupheim und gab Fersengeld.

Die Aufgabe wurde zu meiner Passion. Am 9. Juni folgte der nächste Versuch. Auf nach Westen bei einer Basis von ca. 800m über Grund. „Auf der Alb wird’s schon besser!“ dachte ich mir, weil ich das schon so oft gehört hatte. Pustekuchen. Knapp nach der Iller war Schluss, und ich kam nach zwei „Fast-Außenlandungen“ nach Hause und küsste den Boden. Ich merkte schnell, dass das gar nicht so einfach ist mit so einem Dreieck.

Am 29. Juni wollten wir dann zu dritt, ein Twin3 und zwei Ls4, auf Strecke gehen und ähnliche Aufgaben fliegen. Irgendwas in mir machte mich sehr optimistisch....Wasser muss rein in den Flieger. „Der Flieger geht ja dann viel besser!“, dachte ich mir, aber dass sich das Steigen dann so verschlechtern würde, hatte ich nicht gedacht. Nach dem Start hab’ ich mich dann mühsam an die Basis gemacht, die ca. bei 900m GND lag. Die andere Ls4 war schon ca. 20 Kiliometer weit weg, als ich abflog. Eigentlich wollte ich mitfliegen und mir ein paar Kniffe abgucken, aber ich hab sie bis zur Rückkehr nicht mehr gesehen. Der Twin startete 20 Minuten nach mir und hatte mich schon nach 20 Kilometern eingeholt. „Toll“, dachte ich „Wenn der mich schon hat!?!“ Er wich nach Norden aus und ich blieb fast genau auf der Kurslinie.

Nach weiteren 35 Kilometern trafen wir uns erneut im gleichen Bart über Kellmünz an der Iller. Zumindest waren wir beide jetzt gleich schnell gewesen und ich schöpfte Hoffnung. Die Basis war mittlerweile auf 2.100m  NN gestiegen, aber vor der ersten Wende sah es gar nicht so rosig aus. Die vorausfliegende Ls4 meldete in Zwiefalten nachlassende Thermik aufgrund einer Abschirmung in dem Gebiet. Wir konnten das sehen und entschlossen uns trotzdem weiterzufliegen, in der Hoffnung, den Wendepunkt in großer Höhe abgleitend zu umfliegen. Kurz vor der Wende konnten wir dann doch noch Höhe machen und sie umrunden, da die Abschirmung nicht flächendeckend war.


Das Dreieck der Aufgabe und die geflogene Strecke
(auf das Bild klicken für Vollansicht)

Ich war schon überglücklich, bis an die erste Wende gekommen zu sein. Aber jetzt fing ich an zu denken... Mmmmh - bis hierher war ich gekommen, aber komm’ ich auch wieder heim? Ich war um 12:00 Uhr MEZ gestartet und hatte bis hierher 2Std:36min gebraucht. Das war ein Schnitt von 41km/h! Mir wurde klar, dass dies viel zu langsam sein würde und ich versuchen musste, schneller zu sein. Ach ja! Da war doch dieser Mr. McCready, nach dessen Theorie ich bis jetzt viel zu vorsichtig geflogen bin, weil ich die Wolken „sicherheitshalber“ mit zu wenig Steigen einschätzte und so nicht rumkommen würde. Ich versuchte, mich besser auf das zu erwartende Steigen zu konzentrieren und siehe da - der Schnitt auf dem nächsten Schenkel sollte ein 66er sein.

Auf dem jetzt vor uns liegenden Weg nach Aalen trennte sich auch der letzte Flieger von mir südlich vom Beschränkungsgebiet Münsingen. Wie ich später erfuhr, flog der Twin ab dort wieder heimwärts. Jetzt war ich völlig auf mich allein gestellt. Die Schwäbische Alb machte ihrem Namen alle Ehre und es ging flott voran. Ich merkte schnell, dass ich beim Vorfliegen gar nicht so viel Höhe verloren hatte, wie ich dachte. Mir kamen die 40Liter Wasser wieder in den Sinn und war beruhigt – vielleicht schaff ich’s ja doch. Ich umflog Münsingen ohne überhaupt darüber nachzudenken, dass man sich ja Freigaben einholen könnte. Auch das merkte ich mir für spätere Flüge. Dann ging es locker flockig auf der Kurslinie schnurstracks nach Aalen, das ich um 16:00 Uhr MEZ erreichte.

Ich rechnete mir aus, dass ich noch ca. 2 Stunden Thermik haben würde und war mir ab diesem Zeitpunkt wirklich sicher, keinen Rückholer aktivieren zu müssen. Aber als ich die Donau südwärts überflog, bekam ich es doch noch mal mit der Angst zu tun: Wolken waren zwar vorhanden, aber das Steigen war deutlich geringer. Mir fielen wieder die Beschreibungen des Donauries ein und war ernüchtert. Dass ich das Wasser ablassen könnte kam mir erst gar nicht in den Sinn. 1200m über Platz in 80km Entfernung und die Aufwinde immer schwächer – ich hoffte auf Gundremmingen.... Doch für das Kraftwerk war ich zu hoch und hatte ehrlicherweise einen Höllenrespekt vor dem Ding.

Doch dann geschah es. In ca. 10-15 Kilometer Entfernung stand nordwestlich von Augsburg ein Riesending von Wolke. Die oder keine und hin, denn im Zweifel hätte ich jetzt nicht mehr so lange auf die Rückholer warten müssen. Und tatsächlich – die ging noch mit 1,5 - 2m/s integriert und hob mich auf 2.700m NN. Das war das Ticket und der Rechner gab mir recht. +600m stand auf dem Display und der Heimflug war eine Wonne. Sightseeing war angesagt und ich kam bequem nach Hause. Nach 55 Kilometer Endanflug und einem vorsichtigen Überflug mit Wasser ablassen (Mann - war das toll, auch mal einen Streifen in den Himmel zu schreiben) schlug ich bei uns auf dem Geratshof auf. Auf die Fragen, ob man rumgekommen sei, bekam ich das Grinsen den ganzen Abend nicht mehr aus meinem Gesicht.

Dirk Küpper / LSV Geratshof e.V.

Copyright (C) 2004 by Dirk Küpper.
All Rights Reserved.